212 Kilometer Verletzlichkeit
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212 Kilometer Verletzlichkeit

Eine lange Strecke und die leise Sprache der Grenzen.

280 Kilometer hatte ich mir vorgenommen. Eine Zahl, die sich im Kopf ganz gut tragen ließ. Der Körper sah das anders.

Schon hinter Pforzheim begann das Keuchen. Der Rucksack zog an den Schultern, als wolle er prüfen, wie ernst ich es meinte. Acht Wochen zuvor war ich noch im Krankenhaus gewesen. Dazwischen ein bisschen Joggen, ein paar vorsichtige Kilometer. Jetzt also Wald. Steigung. Hitze. Ich redete mir ein, der Wille sei stärker. Der Körper antwortete mit Atemnot.

Abend. Im Wald brauchte ich eine Weile, um mich an die Geräusche zu gewöhnen. Jeder Ast ein mögliches Tier, jeder Windstoß ein Schritt. Ich war nicht draußen zu Hause, ich war ausgesetzt. Im Zelt prickelten die Füße wie unter Strom. Trotzdem wachte ich am Morgen mit einem Grinsen auf, barfuß im nassen Gras, als hätte ich mir etwas zurückerobert. Freiheit fühlte sich kühl an, weich, möglich.

Bis zur nächsten Steigung.

Der Kampf war nicht heroisch. Er war unerquicklich. Schweiß in den Augen, Salz auf der Haut, der Rucksack ein feuchter Fremdkörper auf meinem Rücken. Ich sah wenig von der Landschaft. Ich sah meinen Puls. Ich hörte meinen Atem. Ich trank zu viel, zu schnell. Jeder Anstieg stellte die gleiche Frage: Wer führt hier eigentlich?

Ich antwortete mit Trotz.

In der Hitze bei Forbach war ich schon am Ortsausgang durchnässt. Vier Liter Wasser im Gepäck, der Kopf voll Durchhalteparolen. „Der Geist geht, der Körper folgt“, sagte ich mir und schleppte beides weiter nach oben. Als ich endlich ins kalte Wasser stieg, war es kein Triumph. Es war eine Kapitulation im Kleinen. Katzenwäsche statt Bad. Demut statt Stärke.

Mit jedem Tag verschob sich etwas. Die Achillessehne begann zu ziehen, erst leise, dann mit Nachdruck. Ein Knarzen im Gelenk, als würde ein altes Scharnier bewegt. Ich schnürte den rechten Stiefel lockerer, veränderte den Schritt, schonte, wich aus. Der Körper fand immer neue Wege, mir seine Grenze zu zeigen. Der Wille fand immer neue Sätze, um sie zu überhören.

Unterwegs begegnete ich Menschen, die mühelos wirkten. Ein alter Mann, für den der steilste Anstieg ein „kurzer Lauf“ war. Ich bewunderte ihn und spürte gleichzeitig mein eigenes Zittern. Realität ist relativ, dachte ich. Mein Körper kannte nur seine.

Am Morgen knarrte die Sehne spür- und hörbar. Ich blieb stehen und bewegte den Fuß vorsichtig. Es klang nicht gut. „Das läuft sich weg“, sagte ich. Nach ein paar Kilometern schmerzte die Hüfte vom Ausweichen. Der Körper war kein Gegner, den ich besiegen konnte. Er war das Gelände selbst.

Am Titisee saß ich mit steifem Gelenk und pochender Sehne und begriff, dass ich nicht gegen einen Berg kämpfte, sondern gegen mich. Gegen die Vorstellung, stark sein zu müssen. Ich hatte Krankheiten überstanden, Therapien, Monate der Unsicherheit. Und nun sollte mich eine Sehne aufhalten?

Ja.

Ich brach ab. Nicht dramatisch. Eher nüchtern. Gesundheit vor Strecke. Kein heroisches Scheitern. Nur die leise Einsicht, dass Verletzlichkeit kein Makel ist, sondern Maßstab.

Später erfuhr ich, dass ein Antibiotikum, das ich im Frühjahr nehmen musste, diese Sehne angreift. Vielleicht war der Kampf also von Anfang an unfair. Vielleicht war er das immer.

280 Kilometer hatten in meinem Kopf existiert. 212 bin ich gegangen. Der Rest bleibt offen.

Was bleibt, ist die Erfahrung, dass Wille nicht über dem Körper steht. Er wohnt in ihm. Und wenn der Körper flüstert, knarrt, schmerzt, dann ist das keine Schwäche. Es ist eine Sprache.

Auch jetzt, über 10 Jahre später, lerne ich immer noch, sie zu verstehen.

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