Bits of Bavaria - Das Dharma im Supermarkt
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Bits of Bavaria - Das Dharma im Supermarkt

"Was des Dharrrma isch und was des Karrrrma“ - Feldnotizen aus dem Alltag

Der Alltag ist kein neutraler Raum. Für die soziologisch geprägte Wahrnehmung ist er das Feld, sie schaltet sich ein, ungefragt, im Vorbeigehen, im scheinbar Banalen, und ganz besonders in seinen unscheinbaren Brüchen. Zufälliges wird zum Datenpunkt, Gesprächsfetzen regen dichte Beschreibungen im Sinne Clifford Geertz an.


Zwischen Einkaufswagen, Parkplatz und Pfandautomat verdichtet sich eine kurze Szene. Eine sehr bayerische Frau - frisch frisiert, deutlich parfümiert, den bunten Seidenschal (gelbgemustert, passend zum schönen Tiefblau der Jacke) keck um den Hals gelegt - steht vor dem Eingang und telefoniert. Als ich an ihr vorbeigehe, fällt ein Satz, der sich festsetzt und mich nicht mehr loslässt:

„Dann hot’r ois erklärt, was des Dharrrrma isch und was des Karrrrma.“

Breiter oberbayerischer Dialekt, das R auffällig lang gerollt. DharrrrmaKarrrrma. Zwei Begriffe aus einem philosophisch-religiösen Kontext, der historisch, kulturell und kosmologisch weit entfernt scheint, und doch werden sie in diesem Moment völlig selbstverändlich ausgesprochen.

Seit Wochen denke ich an diesen Moment.

Wer hat ihr das erklärt? Und wer ist dieses implizite uns? Geht es um eine neue Meditationsgruppe an der Volkshochschule? Um einen dieser selbsternannten Sinnvermittler, die in südbayerischen Marktgemeinden ebenso zuverlässig zu finden sind wie Plakate für Klangschalenabende? Oder berichtet sie einer Freundin, die nicht dabei sein konnte?

Was heißt eigentlich erklärt? Meine analytische Irritation beginnt an diesem Punkt. Dharma und Karma sind keine Begriffe, die sich ohne Weiteres „erklären“ lassen, zumindest nicht, wenn man sie ernst nimmt. Sie sind eingebettet in komplexe Ordnungssyteme und kosmologische Annahmen. Sie erschließen sich nicht allein durch Erklärung, sondern ganz wesentlich durch Praxis und Kontext als relationale Konzepte.

Und doch funktioniert der Alltag anders. Begriffe wandern. Sie lösen sich aus ihren Herkunftszusammenhängen, werden vereinfacht, angepasst und neu aufgeladen. Karma wird zur Chiffre für ausgleichende Gerechtigkeit im Diesseits, Dharma zum vagen Synonym für „Lebensweg“, für die „Bestimmung“. Nicht falsch im strengen Sinne, aber eben auch nicht präzise. Alltagswissen muss allerdings auch nicht präzise sein. Es ist funktional.

Genau das macht diesen Moment so aufschlussreich. Er zeigt, wie globale Sinnangebote lokal angeeignet werden. Wie spirituelle Konzepte in ländlichen Kontexten nicht als Fremdkörper erscheinen, sondern selbstverständlich in den Alltag integriert werden, sprachlich wie kulturell. Das lange gerollte R ist dabei mehr als nur Lokalkolorit, ein bloßer Akzent. Es markiert Zugehörigkeit. Diese Begriffe sind hier angekommen. Sie werden nicht zitiert, sie werden gesprochen.

Soziologisch betrachtet ist das kein kurioser Einzelfall, sondern ein ganzes Bündel miteinander verschränkter Symptome spätmoderner Gesellschaften, das sich im Alltäglichen verdichtet zeigt. Bayern, meist imaginiert als besonders bodenständig, katholisch-traditionell, rechtskonservativ, zeigt sich durchzogen von Patchwork-Spiritualitäten, Wellness-Esoterik, Selbstoptimierungsnarrativen und fragmentierten Sinnsystemen. Zwischen Wallfahrt und Achtsamkeitskurs, zwischen Dorfkirche und Yogastudio entstehen Deutungsräume, in denen Gegensätze koexistieren.

Mich interessiert daran weniger die Frage, ob „sie“ Dharma und Karma denn nun verstanden hat. Faszinierend ist, wie etwas verstanden wird, welche Bedeutungen anschlussfähig sind. Welche Begriffe Resonanz erzeugen.

„Bits of Bavaria“ soll solche Momente sammeln: kleine Beobachtungen, Gesprächsfetzen, Irritationen. Keine großen Thesen, sondern dichte Ausschnitte. Ethnographie im Vorübergehen. Nicht etwa, um Bayern zu erklären, sondern um sichtbar zu machen, wie vielschichtig und überraschend ich dieses Bayern wahrnehme.

Manchmal reicht dafür ein gerolltes R.

(Oder etwas Spiritualität to go)

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