Die dritte Dimension
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Die dritte Dimension

In den Bergen verändert sich nicht nur die Landschaft, sondern das Verhältnis zwischen uns und der Ordnung, die uns regiert.

Wir spüren es, sobald der Weg schmaler wird.
Der Tritt wird vorsichtiger und der Blick wird weiter. In den Bergen verändert sich nicht nur die Landschaft, sondern das Verhältnis zwischen uns und der Ordnung, die uns sonst regiert.

Macht braucht Übersicht. Sie funktioniert nur dort, wo Menschen, Räume und Praktiken lesbar sind: Parzellen, Register, Normen, Risikodefinitionen, Infrastrukturen. Der Staat reduziert Komplexität, um handlungsfähig zu werden. Das ist das grundlegende Prinzip moderner Staatlichkeit: Gesellschaften werden vereinfacht, damit sie administrierbar werden (Scott, 1998).

(…) much of early modern European statecraft seemed similarly devoted to rationalizing and standardizing what was a social hieroglyph into a legible and administratively more convenient format. (Scott 1998, S. 3)

Diese Vereinfachung ist kein technisches Detail. Sie ist politische Gewalt. Alles, was nicht eindeutig ist, wird angepasst, diszipliniert oder verdrängt. Unten, im zweidimensionalen Tal, funktioniert das, hier oben funktioniert das nicht mehr einwandfrei. Die Berge widersetzen sich der glättenden Ordnung schon durch ihre Form. Sie falten sich, brechen die Linien, machen Planung teuer und Kontrolle unsicher. Verwaltung stößt auf Materialität.

Das ist Realität und keine Metapher. Wege brechen ab. Wetter kippt. Distanzen lassen sich nicht sauber kalkulieren. Entscheidungen müssen vor Ort getroffen werden, mit dem Körper, mit Erfahrung, im Gespräch. Ordnung kann hier nicht vollständig vorgelagert werden.

Hochlandregionen waren über Jahrhunderte Räume relativer Autonomie, nicht aus Freiheitsliebe, sondern weil staatliche Durchdringung hier an ihre Grenzen stieß: Wege, Wetter, Steilheit, Winter. Autonomie entstand nicht aus Ideologie, sondern aus Unzugänglichkeit. Scott (2009, S. 20ff) beschreibt diese Räume als Zonen systematischer Staatsferne, in denen Menschen nicht rebellierten, sondern auswichen.

Freiheit war dort kein abstraktes Recht, sondern Alltagspraxis. Sie bedeutete Selbstorganisation, gegenseitige Abhängigkeit, lokale Verantwortung. In den Alpen entstanden Allmenden, Genossenschaften und gemeinschaftliche Nutzungsformen nicht etwa aus Romantik, sondern aus schlichter Notwendigkeit. Ordnung war natürlich vorhanden, aber sie wurde im Nahbereich ausgehandelt und nicht von außen verordnet (zu ähnlichen Schlüssen für die Alpen kommt auch Bätzing, 2015, S. 83ff, 102ff).

Diese Räume waren auch nicht sanft. Sie waren hart, begrenzend, oft brutal. Gerade deshalb zwangen sie zu Kooperation. Freiheit bedeutete nicht Unabhängigkeit, sondern Verlässlichkeit. Wer sich entzog, entzog sich nicht dem Staat, sondern der Gemeinschaft und gefährdete sowohl diese als auch sich selbst.

Der Staat kam spät in diese Räume. Er kam vorsichtig. Wege bauen, Wälder vermessen, Menschen zählen. Er kam im Namen von Sicherheit, Zugang, Entwicklung. Mit der Infrastruktur wuchs die Kontrolle. Was heute als Service erscheint, ist Teil der umfassenden Normalisierung des Draußenseins: markierte Wege, erlaubte Aufenthalte, definierte Risiken. Die Freiheit wird jetzt verwaltet.

Und trotzdem bleibt etwas. Ein Rest, der sich nicht vollständig integrieren lässt. Wenn der Track nicht mehr stimmt, wenn Entscheidungen und Verantwortung nicht delegiert werden können. In diesen Momenten zeigt sich eine andere Form von Freiheit. Keine Freiheit von Regeln, sondern eine Freiheit für Urteil, Aushandlung und geteilte Verantwortung.

Hier öffnet sich die dritte Dimension von Freiheit: nicht die des Rückzugs aus Gesellschaft, sondern als praktische Erfahrung ihrer Gemachtheit. Ordnung ist nicht selbstverständlich, sondern etwas, das hergestellt, aufrechterhalten und durchgesetzt wird. Und damit ist sie auch veränderbar. Freiheit entsteht dort, wo Menschen ihre Angelegenheiten selbst aushandeln, weil niemand näher dran ist als sie selbst (lesenswert hierzu Ostrom 1990, Kapitel 3-5).

Diese Freiheit ist unbequem. Sie verlangt Aufmerksamkeit, Kooperation, Urteilskraft, Arbeit. Sie ist nicht skalierbar oder effizient, und gewiss kaum optimierbar, und darum passt sie schlecht in neoliberale Freiheitsnarrative, die Freiheit als individuelle Wahl verkaufen, während die Bedingungen dieser Wahl unsichtbar bleiben. Freiheit ist keine Konsumentscheidung, sondern geteilte Last.

Diese dritte Dimension der Berge ist freilich keine Ideologie, sondern gelebte Praxis in Räumen, in denen Kontrolle brüchig ist und bleibt. In den Hütten, die immer offen sind, weil Vertrauen funktioniert. In Wegen, die nicht optimiert oder ausgeschildert werden. In Situationen, in denen Erfahrung mehr zählt als Vorschrift.

Der Geograph und Anarchist Élisée Reclus (1905) verstand Freiheit genau so: als Beziehung zwischen Mensch und Umgebung, nicht als deren Abstraktion. In L’Homme et la Terre entwickelt er die These, dass menschliche Freiheit nur dort entstehen kann, wo Menschen ihre Umwelt kennen und in gelebter Beziehung zu ihr stehen.

Wir gehen nicht in die Berge, um dem Politischen zu entkommen. Wir gehen, um zu sehen, dass es überall ist, auch dort, wo es leise ist. Die Berge zeigen, dass Macht nicht verschwindet, wenn man sie ignoriert - aber sie wird brüchig, wenn ihre Voraussetzungen fehlen.

Wir kommen zurück in unsere Täler mit dem Wissen, dass Ordnung kein Naturzustand ist, sondern dass sie gemacht ist. Und dass Freiheit dort beginnt, wo die Gemachtheit sichtbar wird: im Körper, im Gelände, vor allem aber in der Beziehung zu anderen.


Quellen

  • Bätzing, Werner (2015): Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft
  • Ostrom, Elinor (1990): Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action
  • Reclus, Élisée (1905): L’Homme et la Terre
  • Scott, James C. (1998): Seeing Like a State
  • Scott, James C. (2009): The Art of Not Being Governed

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