Höher, schneller, weiter - Echt jetzt?!
LaMa on Trail Profilbild LaMa on Trail
3 min read

Höher, schneller, weiter - Echt jetzt?!

Warum die Hiker Community eine Männerdomäne ist und wie wir das ändern können.

Ich sehe mir gern Videos anderer Hiker:innen an. Ich liebe es, anderen beim Wandern zuzugucken, zum Beispiel wenn ringsumher alles im Schnee versinkt - so wie jetzt. Oder wenn ich nicht draußen sein kann, weil Kinder, Alltag, Krankheit mir einen Strich durch die Träume machen.

Dann sitze ich auf dem Sofa und gucke Wandervideos. Ich bin noch nicht so lang mit diesem Medium vertraut. Lerne noch wichtige Wege und Fachbegriffe, um mich nicht unmittelbar als Unwissende outen zu müssen. Neugierig begutachte ich Kameraeinstellungen und Kommentare, Inhalte und Bilder und staune darüber, wie aus "meinem" Draußen ein Produkt entsteht. "Mein" Draußen deshalb, weil ich schon lang in den Bergen und anderswo unterwegs bin, nur halt nicht als Teil einer Community. Nicht als Lifestyle, sondern einfach, weil Wandern und lange Spaziergänge für mich die schönste Form der Bewegung und Entschleunigung in einer viel zu schnellen Welt sind. Neu ist also für mich nicht das Draußensein, sondern der Überbau.

Und bei diesem Überbau stoße ich immer wieder an innere Widerstände. Habe ich gerade mal wieder eine Wandervideophase, kommt relativ bald der Punkt, an dem ich mehr gelangweilt als interessiert bin. Manchmal auch genervt. Genervt bin ich zum Beispiel dann, wenn ich seit Stunden bei Youtube rumhänge und vergeblich Hikerinnen suche, die einfach wandern. Einfach wandern meint, einen Weg gehen und das ganze filmisch und vielleicht auch sprachlich dokumentieren. Ja, ich weiß, es gibt sie. Aber der Frauenanteil ist so gering, dass der Eindruck entsteht, es wären viel weniger Frauen als Männer da draußen unterwegs.

Aber ist das überhaupt wichtig? Sind wir nicht alle Menschen und sollten uns als solche begegnen, statt immer wieder die Unterschiede auf den Tisch zu legen? Ich würde gerne Ja antworten, sage aber: Nein!

Denn wenn die Vorraussetzungen ungerecht verteilt sind, warum sollte ich dann darüber hinwegsehen? Die Hiker Community ist voll mit heroischen Wanderungen, die trotz widrigster Wetterbedingungen, Verletzungen und fehlender Fitness durchgestanden werden. Die Videos sind zahllose, kleine Heldenepen von Männern, die in Wahrheit wahrscheinlich wenig heldenhaftes an sich haben. Gefahren durch Wetter, Weg oder Tiere werden ausführlich dokumentiert, die Selbstinszenierung ist Teil des Business. Sind diese Männer dann zu Hause, tun sie, was Männer in patriarchalen, kapitalistischen Gesellschaften weltweit tun. Sie erklären anderen die Welt, erstellen Rankings und Listen à la "Diese 5 Dinge hätte ich vor der Tour wissen sollen". Ganz nebenbei werden Produkte beworben und Affiliate Links ermöglichen ein zusätzliches, finanzielles Bauchpinseln.

Natürlich gibt es auch Frauen, die ähnliche Videos produzieren. Nur sind es ungleich viel weniger. Denn im Spiel von höher, schneller, weiter haben Frauen von Anfang an verloren. Wir sind anders sozialisiert. Weniger Selbstinszenierung, mehr Präsenz im Moment. Und wir wissen, dass die öffentliche Aufmerksamkeit von Frauen etwas anderes erwartet.

Wenn wir schon wandern, sollen wir wenigstens von Körperpflege und Hygiene erzählen. Wir sollen uns jederzeit gepflegt, ja gezähmt präsentieren. Verschwitzt, dreckig, unrasiert? Was bei Männern als attraktiv vermarktet wird, ist für uns Frauen der öffentliche Tod. Setzen wir uns darüber hinweg, sind Inhalte plötzlich unwichtig. Dann zählt nur noch der nicht-adäquate Körper. Wir sind diesbezüglich leiderprobt und halten uns oft genau aus diesem Grund zurück. Auch andere Faktoren als rein körperliche spielen natürlich eine Rolle. Als Frau in der Nähe einer Ortschaft allein im Zelt übernachten? Ist möglich. Dennoch bleibt die Angst vor nächtlichem Besuch ein ständiger Begleiter. In der Natur, allein im Wald, ist die Angst eine andere, menschlichere. In der Nähe der Zivilisation ist es eine sehr weibliche Angst, die gespeist wird aus Jahrzehnten übergriffiger Erfahrung.

Voller Dankbarkeit bin ich dann, wenn ich diesen Zwiespalt wieder auflösen kann, weil sich Männer wie Frauen zunehmend der Verwertungslogik entziehen und das tun, was uns Menschen ausmacht: Sich voller Kreativität zu Fuß durch die Welt bewegen und sich nahbar, verletzlich, eben einfach menschlich zeigen, wenn sie davon erzählen.

Wenn es dann um das Verhältnis von Mensch und Natur geht. Um die Frage, was das Draußensein mit uns macht und was wir davon in unser Alltagsleben mitnehmen können. Wenn wir das Gemeinsame sehen und die Unterschiede feiern, fern jeder Konkurrenz. Wenn wir uns als Menschen begegnen, die alle die gleiche Sehnsucht nach Draußen zieht.

LaMa on Trail Profilbild LaMa on Trail
Aktualisiert am
Essay Townday

Reaktionen aus dem Fediverse