Durchquerung des Djebel Sarhro von N’Kob nach Tagdilt
Zwischen Steinwüste und Oase
Die Durchquerung des Djebel Sarhro zwischen N’Kob und Tagdilt gehört zu den klassischen Trekkingrouten im Süden Marokkos - und das aus gutem Grund. Kaum eine andere Region verdichtet so viele landschaftliche Gegensätze auf engem Raum: karge Hochplateaus, scharfkantige Basaltformationen, trockene Flusstäler (Oued), dazwischen überraschend grüne Oasen mit Palmen, Feldern und komplexen Bewässerungssystemen. Hinzu kommt die stetige Präsenz der Ait Atta: Nomad:innen, Hirten, Dorfgemeinschaften, deren Alltagspraktiken diese Landschaft seit Jahrhunderten strukturieren.
Der Kontrast zwischen Steinwüste und Oase ist nicht nur visuell, sondern körperlich erfahrbar, als Wechsel von Hitze und Kühle, von Anstrengung und Ruhe, von Orientierung und Verirren.
Erster Tag: N’Kob – Handour
Von Agdz erreichen wir N’Kob mit einem Grand Taxi. Ankommen bedeutet hier zunächst: innehalten. Einkaufen, warten, reden. Brot, Sardinendosen, Brennstoff für den Benzinkocher organisieren. „Relax max“, wie man hier sagt. Erst am Nachmittag brechen wir auf.
Der Plan ist einfach: die weite, trockene Dades-Ebene queren und anschließend in den Djebel Sarhro aufsteigen. Die Realität holt uns früh ein. Die Hitze ist intensiver als erwartet, der Magen leer, der Weg lang. Im Schatten eines Stromhäuschens legen wir bereits nach kurzer Zeit die erste Pause ein. Eine uns empfohlene Herberge scheint verlockend, erweist sich aber als unerschwinglich. 200 Dirham für eine Nacht (bei einem Restbudget von 400) sind nicht drin.
Wir gehen weiter. Dann: Hupen. Ein klappriger Minibus. Nach kurzer Verhandlung lassen wir uns bis Handour bringen. Eine kluge Entscheidung, wie sich zeigt. Hinter dem Dorf schlagen wir unser erstes Lager auf: auf einem leicht erhöhten Felsband über dem Oued. Das Zelt bleibt im Rucksack. Die Nacht verbringen wir unter freiem Himmel unter einem Sternenzelt, das jede Müdigkeit relativiert.
Zweiter Tag: Handour – Irhazzoun n’Imlas
Die Nacht war kalt. Wir packen früh und folgen dem Tal. Die Täler fungieren hier zugleich als Verkehrsadern; wir kommen gut voran. Der Pfad ist oft kaum sichtbar, doch die Richtung ist eindeutig: talaufwärts.
Mit dem Verlassen des Tals ändert sich alles. Die Sonne trifft ungefiltert, die Hänge sind offen, die Haut schutzlos. Wir passieren mehrere Dörfer, grüßen, werden gegrüßt. Den im Führer verzeichneten Hanout verpassen wir, kein Problem, die Vorräte reichen.
Die Landschaft öffnet sich zu einer weiten Ebene: Staub, Geröll, Fels. Hohe Wände rahmen das Becken. Wir steigen nach rechts auf einen Sattel, von dem aus erstmals der Bab’n’Ali sichtbar sein soll. Das „Tor des Ali“, eine ikonische Felsformation und Wahrzeichen des Sarhro.
Bis hierhin dominierten grüne Täler mit ausgeklügelter Bewässerung. Nun wächst nur noch niedriges, zähes Buschwerk. Am Pass rasten wir unter einem riesigen Felsblock. Brot, Sardinen, Datteln. Im Dunst zeichnet sich tatsächlich der Bab’n’Ali ab.
In einem Dorf finden wir schließlich den Hanout, eher ein Haus als ein Laden. Wir sitzen auf Teppichen, trinken Tee, essen Brot mit Olivenöl, Frischkäse und Marmelade. Gespräche, Lächeln, Kinder. Stifte („stylo“) wechseln den Besitzer und werden singend erprobt. Wir lassen heimlich Geld da und ziehen weiter.
Die Dämmerung kommt schnell. Unter Palmen, an einem betonierten Bewässerungsgraben, schlagen wir unser Zelt auf, direkt auf einem Verbindungsweg zwischen zwei Dörfern. Gespräche mit Vorbeigehenden inklusive.
Der Weg zum Bab’n’Ali ist heiß, staubig, erbarmungslos. Wir erreichen das Plateau zur denkbar ungünstigen Mittagszeit. Die Sonne brennt, ungeschützte Haut reagiert sofort. Am Fuß der Felsformation improvisieren wir uns einen Schattenplatz mit Rucksäcken. Erst langsam kühlt der Körper wieder herunter.
Weiter unten: Palmen, Wasser, das Glucksen eines Bachs. Wir rasten lange, waschen uns, essen. Später erreichen wir den berühmten Hanout, gönnen uns eine warme Cola, stocken Vorräte auf und biegen in ein enges Seitental ab. Flache Pools, Schatten, steile Wände, ein nahezu unwirklicher Ort. Baden unterlassen wir, aber wir bleiben lange.
Das Tal endet in Blockgelände: Klettern, Steigen, Balancieren. Schließlich öffnet sich die Landschaft, eine Piste führt oberhalb des Tals Richtung Boilouz. Den beschriebenen Abzweig finden wir nicht. In der Dämmerung bauen wir das Zelt auf.
Vierter Tag: Boilouz – Igli
Auch am Morgen bleibt der Weg unklar. Zeit geht verloren, Unsicherheit wächst. Die Stimmung kippt. Schließlich entscheiden wir uns intuitiv: durch dieses Tal, über jenen Hügel. Eine Hochebene, dann ein Abgrund. Rufe. Ziegen. Eine Hirtin auf der gegenüberliegenden Seite weist uns den Weg.
Wir stoßen auf Reifenspuren. Motorrad. Ein Pfad. Steil bergab. Anspruchsvoll, alpin anmutend. Unten erscheint eine Ansiedlung. Erleichterung. „Igli?“ – „Oui, Igli. Fatigue?“ Ja, und wie.
Unter einem Nomadenzelt werden wir mit Tee und Gebäck versorgt. Wir bleiben. Duschen sogar, das Wasser erhitzt mit Büschen und Nussschalen in einem umgebauten Boiler. Igli wird zum Ruhepol. Schon immer lagern hier durchziehende Menschen. Nun auch wir. Am Abend schlafen wir unter beeindruckenden Felswänden ein.
Sehr früh brechen wir auf. Der Aufstieg ist kühl, aussichtsreich. Der Blick reicht zurück bis zum Djebel Bani, dahinter beginnt die Sahara. Wir klopfen Gesteinsblasen auf, Geologie am Wegesrand als Zeitvertreib.
Am Pass finden wir Wasser, vereist. Richtung Norden steigen wir weglos weiter, treffen schließlich auf eine Hirtin und ihre Tochter. Mit Tee, Gesten und wenigen Worten erklärt sie den Weg. Wir bedanken uns mit Zucker und Wasser.
Statt des langen Abstiegs entscheiden wir uns für die Besteigung des Kouaouch. Leichte Kletterei, erst Nebengipfel, dann Hauptgipfel. Oben: 2592 Meter. Im Norden Schnee, im Süden Wüste.
Der Abstieg ist komplex, Pfade verlieren sich, Schluchten blockieren den Weg. Schließlich finden wir wieder eine Spur. Tizi’n Ouarg liegt tief unter uns. Wir zelten auf einer kleinen Wiese, filtern Wasser, kochen ein letztes Mal.
Sechster Tag: Tizi’n Ouarg – Tagdilt – Boumalne de Dades
Der letzte Anstieg führt über ein urtümliches Hochplateau mit knorrigen Bäumen. Am Horizont das schneebedeckte M’Goun-Massiv. Dann der lange Abstieg ins Dades-Tal: Stunden bergab, schmerzende Knie, müde Füße.
Wir treffen auf einen Mann mit zwei Jungen und einem Maultier. Sie sind schneller als wir. Unten angekommen, lehnen wir eine Teeeinladung ab und suchen den Hanout. Kinder treiben Späße mit Steinen, die Situation eskaliert kurz, wird aber rasch beendet.
Ein Minibus bringt uns schließlich nach Boumalne de Dades. Tee, Dusche, Terrasse. Zwei Tage brauchen wir, um auch mental wieder in der Zivilisation anzukommen.
Der Djebel Sarhro wirkt nach, als Landschaft der Extreme, aber auch als Raum solidarischer Alltäglichkeit, in dem Orientierung nie selbstverständlich ist.
Danke an R. für die Tour und die Fotos ❤️
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Zwischen Steinwüste und Oase
Die Durchquerung des Djebel Sarhro zwischen N’Kob und Tagdilt gehört zu den klassischen Trekkingrouten im Süden Marokkos - und das aus gutem Grund. Kaum eine andere Region verdichtet so viele landschaftliche Gegensätze auf engem Raum: karge Hochplateaus, scharfkantige Basaltformationen, trockene Flusstäler (Oued), dazwischen überraschend grüne Oasen mit Palmen, Feldern und komplexen Bewässerungssystemen. Hinzu kommt die stetige Präsenz der Ait Atta: Nomad:innen, Hirten, Dorfgemeinschaften, deren Alltagspraktiken diese Landschaft seit Jahrhunderten strukturieren.
Der Kontrast zwischen Steinwüste und Oase ist nicht nur visuell, sondern körperlich erfahrbar, als Wechsel von Hitze und Kühle, von Anstrengung und Ruhe, von Orientierung und Verirren.
Erster Tag: N’Kob – Handour
Von Agdz erreichen wir N’Kob mit einem Grand Taxi. Ankommen bedeutet hier zunächst: innehalten. Einkaufen, warten, reden. Brot, Sardinendosen, Brennstoff für den Benzinkocher organisieren. „Relax max“, wie man hier sagt. Erst am Nachmittag brechen wir auf.
Der Plan ist einfach: die weite, trockene Dades-Ebene queren und anschließend in den Djebel Sarhro aufsteigen. Die Realität holt uns früh ein. Die Hitze ist intensiver als erwartet, der Magen leer, der Weg lang. Im Schatten eines Stromhäuschens legen wir bereits nach kurzer Zeit die erste Pause ein. Eine uns empfohlene Herberge scheint verlockend, erweist sich aber als unerschwinglich. 200 Dirham für eine Nacht (bei einem Restbudget von 400) sind nicht drin.
Wir gehen weiter. Dann: Hupen. Ein klappriger Minibus. Nach kurzer Verhandlung lassen wir uns bis Handour bringen. Eine kluge Entscheidung, wie sich zeigt. Hinter dem Dorf schlagen wir unser erstes Lager auf: auf einem leicht erhöhten Felsband über dem Oued. Das Zelt bleibt im Rucksack. Die Nacht verbringen wir unter freiem Himmel unter einem Sternenzelt, das jede Müdigkeit relativiert.
Zweiter Tag: Handour – Irhazzoun n’Imlas
Die Nacht war kalt. Wir packen früh und folgen dem Tal. Die Täler fungieren hier zugleich als Verkehrsadern; wir kommen gut voran. Der Pfad ist oft kaum sichtbar, doch die Richtung ist eindeutig: talaufwärts.
Mit dem Verlassen des Tals ändert sich alles. Die Sonne trifft ungefiltert, die Hänge sind offen, die Haut schutzlos. Wir passieren mehrere Dörfer, grüßen, werden gegrüßt. Den im Führer verzeichneten Hanout verpassen wir, kein Problem, die Vorräte reichen.
Die Landschaft öffnet sich zu einer weiten Ebene: Staub, Geröll, Fels. Hohe Wände rahmen das Becken. Wir steigen nach rechts auf einen Sattel, von dem aus erstmals der Bab’n’Ali sichtbar sein soll. Das „Tor des Ali“, eine ikonische Felsformation und Wahrzeichen des Sarhro.
Bis hierhin dominierten grüne Täler mit ausgeklügelter Bewässerung. Nun wächst nur noch niedriges, zähes Buschwerk. Am Pass rasten wir unter einem riesigen Felsblock. Brot, Sardinen, Datteln. Im Dunst zeichnet sich tatsächlich der Bab’n’Ali ab.
In einem Dorf finden wir schließlich den Hanout, eher ein Haus als ein Laden. Wir sitzen auf Teppichen, trinken Tee, essen Brot mit Olivenöl, Frischkäse und Marmelade. Gespräche, Lächeln, Kinder. Stifte („stylo“) wechseln den Besitzer und werden singend erprobt. Wir lassen heimlich Geld da und ziehen weiter.
Die Dämmerung kommt schnell. Unter Palmen, an einem betonierten Bewässerungsgraben, schlagen wir unser Zelt auf, direkt auf einem Verbindungsweg zwischen zwei Dörfern. Gespräche mit Vorbeigehenden inklusive.
Dritter Tag: Irhazzoun n’Imlas – Bab’n’Ali – Boilouz
Der Weg zum Bab’n’Ali ist heiß, staubig, erbarmungslos. Wir erreichen das Plateau zur denkbar ungünstigen Mittagszeit. Die Sonne brennt, ungeschützte Haut reagiert sofort. Am Fuß der Felsformation improvisieren wir uns einen Schattenplatz mit Rucksäcken. Erst langsam kühlt der Körper wieder herunter.
Weiter unten: Palmen, Wasser, das Glucksen eines Bachs. Wir rasten lange, waschen uns, essen. Später erreichen wir den berühmten Hanout, gönnen uns eine warme Cola, stocken Vorräte auf und biegen in ein enges Seitental ab. Flache Pools, Schatten, steile Wände, ein nahezu unwirklicher Ort. Baden unterlassen wir, aber wir bleiben lange.
Das Tal endet in Blockgelände: Klettern, Steigen, Balancieren. Schließlich öffnet sich die Landschaft, eine Piste führt oberhalb des Tals Richtung Boilouz. Den beschriebenen Abzweig finden wir nicht. In der Dämmerung bauen wir das Zelt auf.
Vierter Tag: Boilouz – Igli
Auch am Morgen bleibt der Weg unklar. Zeit geht verloren, Unsicherheit wächst. Die Stimmung kippt. Schließlich entscheiden wir uns intuitiv: durch dieses Tal, über jenen Hügel. Eine Hochebene, dann ein Abgrund. Rufe. Ziegen. Eine Hirtin auf der gegenüberliegenden Seite weist uns den Weg.
Wir stoßen auf Reifenspuren. Motorrad. Ein Pfad. Steil bergab. Anspruchsvoll, alpin anmutend. Unten erscheint eine Ansiedlung. Erleichterung. „Igli?“ – „Oui, Igli. Fatigue?“ Ja, und wie.
Unter einem Nomadenzelt werden wir mit Tee und Gebäck versorgt. Wir bleiben. Duschen sogar, das Wasser erhitzt mit Büschen und Nussschalen in einem umgebauten Boiler. Igli wird zum Ruhepol. Schon immer lagern hier durchziehende Menschen. Nun auch wir. Am Abend schlafen wir unter beeindruckenden Felswänden ein.
Fünfter Tag: Igli – Besteigung Kouaouch (2592 m) – Tizi’n Ouarg
Sehr früh brechen wir auf. Der Aufstieg ist kühl, aussichtsreich. Der Blick reicht zurück bis zum Djebel Bani, dahinter beginnt die Sahara. Wir klopfen Gesteinsblasen auf, Geologie am Wegesrand als Zeitvertreib.
Am Pass finden wir Wasser, vereist. Richtung Norden steigen wir weglos weiter, treffen schließlich auf eine Hirtin und ihre Tochter. Mit Tee, Gesten und wenigen Worten erklärt sie den Weg. Wir bedanken uns mit Zucker und Wasser.
Statt des langen Abstiegs entscheiden wir uns für die Besteigung des Kouaouch. Leichte Kletterei, erst Nebengipfel, dann Hauptgipfel. Oben: 2592 Meter. Im Norden Schnee, im Süden Wüste.
Der Abstieg ist komplex, Pfade verlieren sich, Schluchten blockieren den Weg. Schließlich finden wir wieder eine Spur. Tizi’n Ouarg liegt tief unter uns. Wir zelten auf einer kleinen Wiese, filtern Wasser, kochen ein letztes Mal.
Sechster Tag: Tizi’n Ouarg – Tagdilt – Boumalne de Dades
Der letzte Anstieg führt über ein urtümliches Hochplateau mit knorrigen Bäumen. Am Horizont das schneebedeckte M’Goun-Massiv. Dann der lange Abstieg ins Dades-Tal: Stunden bergab, schmerzende Knie, müde Füße.
Wir treffen auf einen Mann mit zwei Jungen und einem Maultier. Sie sind schneller als wir. Unten angekommen, lehnen wir eine Teeeinladung ab und suchen den Hanout. Kinder treiben Späße mit Steinen, die Situation eskaliert kurz, wird aber rasch beendet.
Ein Minibus bringt uns schließlich nach Boumalne de Dades. Tee, Dusche, Terrasse. Zwei Tage brauchen wir, um auch mental wieder in der Zivilisation anzukommen.
Der Djebel Sarhro wirkt nach, als Landschaft der Extreme, aber auch als Raum solidarischer Alltäglichkeit, in dem Orientierung nie selbstverständlich ist.
Danke an R. für die Tour und die Fotos ❤️
Bleiben wir in losem Kontakt
Wenn Dir dieser Text gefallen hat, ist der Newsletter der ruhigste Weg, Neues von ferals zu lesen: unregelmäßige E-Mails mit neuen Texten, Hintergründen und Notizen aus dem Unterwegssein.
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