Outside inside
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Outside inside

Die Wiederentdeckung des Un-Ordentlichen.

Das Draußen als Innenraum

Das Draußen war lange ein Ort des Dazwischen: unbestimmt, gefährlich, manchmal gleichgültig, ein Raum ohne klare Funktion. Heute ist es ein konsumierbares Gegenstück zur Stadt, zugerichtet für jene, die Bedeutung suchen, aber Leere kaum noch aushalten.

Wir gehen wandern, um „runterzukommen“. Wir atmen, um „zu resetten“. Das Innehalten folgt einem Zweck. Die Natur wird zur Therapie, zum Hintergrund, zur Kulisse für Selbstvergewisserung. Waldbaden anyone?

Wer versucht, das Wilde zu instrumentalisieren, zähmt es. Wir gehen hinaus und und tragen unsere Innenräume mit uns: Erwartungen, Routen, Messwerte. Technologie begleitet nicht nur als Werkzeug, sondern als epistemisches Regime: Sie strukturiert, was als akzeptable Erfahrung gilt, was gelungen ist, weil es gezählt wurde. Die Transformation von Welt in Ressource.

Das Draußen ist längst drinnen.

Das Ende des Zufalls

Das Unbekannte war einst Teil des Abenteuers. Ein Umweg, ein Irrtum, ein späteres Ankommen. Heute ist der Zufall eine Störung im System. Wir planen, tracken, teilen, wir wissen, wie weit, wie hoch, wie schnell.

Das GPS zeigt uns, wo wir sind und nimmt uns so die Möglichkeit, es nicht zu wissen. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, orientiert zu werden, dass das Verlaufen zu einem Akt des Widerstands geworden ist. Vielleicht ist das Problem nicht die Technologie, sondern unsere Angst vor dem Unbekannten.

Wir nennen es Sicherheit, aber in Wahrheit ist es Kontrolle. Sicherheit ist relational, entsteht zwischen Körpern, Orten, Situationen und ist fragil, Kontrolle ist präventiv und totalisierend.

Im Verlaufen und Umherstreifen, im Widerstand gegen die vollständige Lesbarkeit der Welt, rückt das Unbekannte nicht als romantisierte Wildnis, sondern als existentielle Kategorie in den Mittelpunkt: als Voraussetzung von Erfahrung, nicht als deren Mangel.

Die Ästhetik des Authentischen

Das Authentische hat heute eine Ästhetik und einen Preis. Von der perfekt arrangierten Zeltaufnahme im Abendlicht bis zum handgefilterten Lagerfeuerkaffee: Wir kuratieren das Ursprüngliche bis es aufhört, ursprünglich zu sein.

Outdoor ist zum Stil geworden, die passenden Klamotten zur Uniform einer neuen Naturreligion. Man trägt das Wilde wie ein Abzeichen, sauber und funktional, aber ohne Risiko. Das Wilde erscheint als Zeichen, nicht als Erfahrung. Alles wird Teil einer Erzählung, die wir kontrollieren und mit anderen teilen, um uns selbst zu versichern, dass sie wirklich stattgefunden hat. Was nicht auf Strava ist, ist nie passiert.

Authentizität ist nicht mehr etwas, das sich ereignet, sondern etwas, das hergestellt und dargestellt wird, was Anschlussfähig ist an Narrative, Plattformen und soziale Validierung.

Der Verlust der Wildnis im Inneren

Vielleicht liegt die Entfremdung gar nicht so sehr in der allgegenwärtigen Kulturlandschaft, sondern in uns. Wir haben das Chaos da draußen gezähmt und damit auch das Wilde in uns. Dabei war das Wilde nie nur ein Ort, es war ein Zustand: Unsicherheit aushalten, nicht wissen und trotzdem weitergehen.

Wir haben das Unbekannte rationalisiert.
Wir fürchten es, wo wir es einst ehrten.
Selbst die „Selbsterfahrung“ ist zum Plan geworden, geronnen in Packlisten.

Vielleicht ist das wirklich Wilde heute, sich der Kontrolle zu entziehen, keinen Plan zu haben, keine Route, kein Ziel. Sich im Gelände der eigenen Gedanken zu verlaufen. Die Wiederentdeckung des Un-Ordentlichen, der inneren Topografie, die wir geglättet haben, die geglättet wurde.

Die Wildnis ist in uns.

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