Soča
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Soča

Auf dem Alpe-Adria-Trail durch Slowenien.

Kranjska Gora – Trenta

🎤
Am Vorabend:
Das Natura Eco Kamp in Kranjska Gora ist putzig. Das ist so hippiemässig, das es schon (fast) wieder spiessig ist 😂 

Ich mag ja Campingplätze eh nicht so, so Zelt an an Zelt und soooo viele „Vanlife“ Karren mitsamt Insassen mit Dosenbier in der Hand, Hund und Kind und Kegel. Aber naja passt schon. Dafür hab ich Brennstoff gespart und den schon angefeuerten Grill genutzt.

18. August, 8:22 Uhr:
20 Minuten bin ich schon durch's Dorf gewandert und hab mich schon einmal verlaufen. Jetzt erst mal Kaffeepause und Supermarkt 👍

17:08 Uhr:
Nix zu sehen hier, nur Wald. Schätze noch 7 km bis zum Camp. Immer noch 7 k. Fiu. Die Etappe heute sah auf Papier nicht so aus. Ich habe nur vergessen/verdrängt/verpeilt, dass ich keine 30 mehr bin - und die letzten Jahre nicht so sehr viel Training hatte. Aber viele Pausen haben ja auch was: ich kenn schon voll viele Leute auf dem AAT. Alle 4…

17:58 Uhr:
Nur noch paar Kilometer bis Trenta. Kurz dahinter ist wohl ein schöner Campingplatz. Bin gespannt! Treffe da dann die beiden Biker und die 70 Liter Rucksack Buben.

20:27 Uhr, Camp Triglav:
Meine Güte bin ich im Eimer

Der Versuch, es langsam anzugehen, gemessenen Schrittes, brauchte viel Aufmerksamkeit. Voller Freude, in Richtung Berge zu ziehen, schlenderte ich dahin. Irgendwann ging’s dann endlich runter von der Straße, hinein in den Nationalpark Triglav. Die Felstürme am Ende, die schon von Kranjska Gora aus zu sehen waren, kamen immer näher und näher.

Dann die ersten Anstiege. Untrainiert wie ich bin, merkte ich graduelle Änderungen der Steilheit. Sanft ging noch gut, aber sobald es einige Grad steiler wurde, pumpte das Herz, die Waden spannten, der Schweiß floss. Immerhin blieb ich im Wald. 

Der erste größere Stopp dann um 11:30 bei Mihov Dom, ein Restaurant direkt an der Straße. Ein Radler und die Bekanntschaft zweier junger Dänen mit riesigen Rucksäcken später, das Ziel Vrišič Pass imaginierend, schleppte ich mich weiter durch den Wald. Es wurde steiler.

Meine Zeitplanung war dahin. Ich brauchte wesentlich länger für die Teilstücke, als ich vom Blick auf die digitale Karte geschätzt habe. Ich bin wohl doch Papierkarten, Maßstab etc gewohnt, dieses digitale rein- und rauszoomen verhagelt mir jede Schätzung. Irgendwann überholten mich zwei Biker, die sich auch den Pass hoch arbeiteten. Dann wieder überholte ich sie. Die Kehren und Schleifen vor dem Pass waren gut zu gehen. Langgezogen und nicht sehr steil, liefen sie sich fast bequem. Wäre da nicht der Körper gewesen, dem so langsam klar wurde, dass ich es wirklich ernst meine. Unter Protest zwängte ich ihn weiter.

Der pure Wille - und der Gedanke an Kaffee - ließ mich das Restaurant am Pass Vrišič erreichen. Zeitgleich kamen die Biker an. Zwei Kaffee später verabschiedeten wir uns.

Der Abstieg zog sich. Doch die Knie hielten erstaunlich gut. Stunde um Stunde wackelte ich in Richtung Soča Tal. Irgendwann mit Kopfhörern und Podcast, so langweilig war mir. Später, sehr viel später, hörte der Abstieg unvermittelt auf. Ich genoss das gehen auf Asphalt, bis auch das langweilig wurde, und ich kehrte zurück auf den Trail. 

Weitere Stunden später endlich Trenta. Mit der letzten Energie latschte ich durch das riesige Camp, Formalien, Zelt aufbauen, den Bikern „Hi“ sagen (die auch nur 2 Stunden früher angekommen waren), Nickerchen. Aufwachen, Essen, schlafen.

Trenta – Bovec

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19. August, 09:29 Uhr:
Alte Routine kommt zurück: erst mal ne Stunde laufen, dann frühstücken.

12:30 Uhr:
Ich kapiers nicht. Ich bin müde, abgekämpft, schwach, lahm, lahmer, Schnecke mit vielen Pausen. Und trotzdem ungefähr im Zeitplan? Irgendwas stimmt doch da nicht.

20:04 Uhr: Camp Liza
Checkin. Morgen sieht es ganz nach einem Zero aus.

Das sei eine kurze Etappe, haben sie gesagt…

Ich wache auf, 7 Uhr. Um mich herum ist es still. Campingplatzstill. Schnarchen, rascheln, der Müllwagen und der Service Techniker für den Kaffee Automaten kurven herum. Kaffee? Kaffee!

Etwas unrund wackle ich zum Automaten, ziehe mir Kaffee. Und einen zweiten. Die Becher haben ungefähr Schnapsglasgröße. Dann einen Dritten. Die Lebensgeister fahren in meine müden Knochen. Ich packe zusammen, laufe los. Da ist es seltsamerweise schon wieder 9 Uhr. Ich muss ernsthaft an meiner Morgenroutine arbeiten.

Routine. Immerhin die alte Routine, erst mal los und später frühstücken klappt. Nach ner Stunde gibts Spaghetti Bolo aus der Tüte, mit extra Salami und Käse.

Schöne Gegend hier, die Soča ist wirklich wirklich beeindruckend schön!

Am Nachmittag zieht ein Unwetter auf, ich hocke kurz unter einem Stein. Das Wetter scheint sich noch zu bessern, also laufe ich halt im Regen weiter. Gerade als ich so richtig durchnässt bin, komme ich an einem Campingplatz vorbei. Jetzt hilft nur noch Kaffee. Mit Andreas aus der Schweiz trinke ich Kaffee. Jeder hat seine Geschichte, warum er alleine unterwegs ist. Es hört auf zu regnen, wir gehen zusammen, dann wieder alleine, weiter. Kurz vor dem Ziel Bovec stoßen wir wieder auf einander, trinken am Camp Liza noch einen Kaffee, er geht weiter nach Bovec, ich bleibe hier. 

Meine Klamotten riechen nach Tod, ich wohl auch. Dusche, heißes Wasser für alles, yeah. Abendessen im Restaurant war so meh. Kaum liege ich gemütlich im Zelt, denke noch so „oh, Klo“ und es fängt an zu regnen. Und hört bis zum Morgen nicht mehr auf. Das wird noch den ganzen Freitag so weiter gehen. 

Draußen hängen Socken und mein Hemd im Regen. Die Wäsche Aktion hätte ich mir sparen können und das Zeug einfach raus hängen können. Egal. 

Bovec – Kobarid

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20. August, 7:40 Uhr: Unterwegs!

13:56 Uhr: pushin' mit Richie Hawtin auf den Ohren.

20:32 Uhr: Camp Lazar

Langer Tag, hab aber auch insgesamt sicher drei Stunden Pause gemacht. 

Heute ging’s öfter mal an und auf der Straße lang, offene Blicke und Wald wechselten sich ab.

Am Nachmittag traf ich die Entscheidung, für heute und morgen auf den Juliana Trail zu wechseln, so an der Soča zu bleiben und den Campingplatz bei Kobarid zu nutzen. Der AAT führt eigentlich weiter oben nach Dreznica, wo es vielleicht eng mit Zimmern geworden wäre.

Kobarid – Gabrje

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21. August: Der Wechsel auf den Juliana Trail war zur Hälfte gut durchdacht. Bis Kobarid war’s super schön, gut zu gehen und die Soča sehr beeindruckend.

Aber dann folgten 15 Kilometer roadwalk durch die Hitze. Schatten brachte nicht so wirklich Abkühlung, die Luftfeuchtigkeit war unangenehm hoch, schwitzen brachte nichts, was der Körper mit noch mehr schwitzen versuchte auszugleichen. Mit vielen Pausen schleppte ich mich zum Camp Gabrje. Nach einigen kühlen Getränken entschloss ich mich, die Nachmittagshitze hier auszusitzen und erst abends die 5 km weiter nach Tolmin zu gehen. Einen riesigen Burger später fiel schon die nächste Entscheidung: ich bleibe über Nacht, gehe morgen nach Tolmin und mache dort noch einmal eine Pause. 

Gabrje - Tolmin

22. August: Am Vormittag unterhielt ich mich lange mit einem Typen, der mit Paragliding Schirm und Gatewood Cape unterwegs ist. Er spart sich Abstiege, wenn möglich landet er auf einem Berg und fliegt am nächsten Tag einfach weiter. Auch 'ne sehr coole Art sich fortzubewegen: hike & fly. 

Der roadwalk gestern gab meinem linken Fuß (Ferse und Außenballen) den Rest, jeder Schritt schmerzt. Mist, denn langsam kommt die alte Kondition wieder und ein 4er Schnitt dürfte über den Tag gut möglich sein.

Nun, jetzt sitze ich hier auf einem geschotterten Parkplatz in Tolmin, den sie Campingplatz nennen, und versuche zu regenerieren. Hoffentlich bleibt es halbwegs windstill, denn hier ist alles steinig und die Heringe stecken nur so profoma halb im Boden. Merke: nächstes Mal mehr Gewicht und lieber die v-Profil Heringe einpacken statt die filigranen Titan hooks. Meine Güte bin ich verwöhnt vom Soča Tal. Die Camps dort sind zwar auch nicht perfekt, aber sowas hier ist schon gewagt für 13 €.

Bin noch unsicher, wie weit ich den Fuß rauswandern kann und soll. Abbrechen und auf Nr sicher gehen? Die nächsten beiden Etappen gehen durch die Berge, also bestimmt Bergpfade, die besser für die Schmerzen sein sollten. Die noch durchziehen und am Mittwoch entscheiden? 

Don‘t quit on a bad day.

Tolmin – Tribil Superiore

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23. August, 10:00. Einige Kaffees, Schmusekatzen und Frühstücksfeigen später ging's weiter

Mittags Hitzeschlacht, Weltkriegsschlacht

Das war ein Tag... gerade als ich komplett verschwitzt vom nicht enden wollenden Aufstieg oben raus komme, verzog sich die letzte Wolke und die Sonne brannte mit voller Augustpower auf mich herunter. Sie gab echt alles. Ich schmolz dahin. Dankbare Abkühlung, so seltsam das auch klingt, boten die Unterstände und Schützengräben des Freilichtmuseums auf dem Kolovrat.

Kurz dahinter, darunter, die süße Hütte „Casoni Solarie“. Die beiden Angeber, die meinten mir heute morgen noch davon laufen zu müssen, in ihren Bergstiefeln, lagen zerstört dort rum. Am Ende des Gartens baute jemand sein Zelt auf. Mit dem kam ich natürlich ins Gespräch. Zelten geht hier also gegen einen kleinen Obolus. Die Hütte, die Terrasse, die Umgebung ist so verlockend, dass wohl echt die meisten dort kleben bleiben.

Nach einer Stunde zog ich weiter. Hab schon genug gechillt die letzte Woche. Jetzt wird’s Zeit wieder Kilometer zu machen. Zügig ging’s die drei Stunden noch nach Tribil Superiore: ganz anders als die anderen kleinen Dörfer, ist hier alles renoviert und herausgeputzt. Aber still. Man hört nichts. Gegen 19 Uhr ist dann wohl Essenszeit.

Etwas ungelenk stolpere ich durchs Dorf und erspähe das Schild zum „Ostello la Finestra“. Ein zum Hostel umgebautes Schulgebäude. Das sieht und spürt man direkt.

Erst war sie genervt weil ich nicht reserviert hatte. Küche sei auch schon zu. Etwas später meinte sie, etwas Pasta könne sie mir machen. Und Nachtisch gabs auch. Und etwas Wein. Haben dann gerade noch einen Kaffee zusammen getrunken und sie ist in den Feierabend. Jetzt bin ich alleine in einem riesigen alten Schulhaus - falls was passiert, Geister oder so, werd ich’s einfach verschlafen in einem richtigen Bett nämlich, mit weißer, duftender Bettwäsche und allem!

Tribil Superiore – Castelmonte

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24. August, 14:30 Uhr: Der Entschluss ist gefasst: morgen gehts nach Hause. Mein Fuß ist kaum besser, aber auch nicht wesentlich schlechter. Die Wettervorhersage für nächste Woche ist nicht so wanderfreundlich. Die schönsten Etappen liegen hinter mir.

Ich frühstücke ausgiebig. Das mit dem frühen Losgehen klappt ja schon auf der ganzen Tour nicht so recht. Also egal.

Die ersten Meter warte ich, wie immer, bis sich das Gestell einstellt. Normalerweise läuft das nach ein, zwei Kilometern wieder rund. Das will sich den ganzen Tag nicht mehr einstellen. So humple ich mehr als ich sollte in Richtung Süden. 

Nach etwa zwei Stunden leiste ich mir einen dummen Verhauer. Erst viele Höhenmeter tiefer fällt mir auf, dass es zu bequem ist, schaue auf die Karte und bemerke meinen Fehler. Und auch, dass ich etwa eine Stunde wieder aufsteigen muss. Am Abzweig oben, beim an Ketten aufgehängten Autositz, mache ich erst mal eine Pause. Der Rastplatz liegt mittlerweile in der prallen Sonne, also lege ich mich etwas davon entfernt in den Schatten. Durch diesen Verhauer rückt das Tagesziel der eh schon knackig langen Etappe in den späten Abend. Naja, wir werden sehen. Mir geht es, bis auf das linke Bein, recht ordentlich.

Die Schmerzen scheinen vom linken Fuß mittlerweile bis in den Oberschenkel zu ziehen. Einige Kilometer weiter stelle ich erschreckt fest, dass die linke Hüfte taub ist. Ich kann rein kneifen und spüre nur etwas Druck. Stopp. Pause. Dehnen. Bein hochlegen. Massieren. Das Gefühl kommt zurück. Beim Weitergehen ist die Außenseite des Beines sehr verspannt. Ich humple nun richtig.

Etwas später holt mich der Kollege ein, der einige Kilometer vor mir auf der Berghütte übernachtete. Er hat kein Wasser mehr, ich habe noch etwa 0,75l und schenke ihm die Hälfte, da er schon leicht panisch war. 1,5 bis zwei Stunden dürften es noch sein bis Castel del Monte, das Wasser sollte also gut reichen. 

Der Schweiß fliest in Strömen, es ist heiss und schwül. Mit dem letzten Schluck komme ich auf diesem herausgeputzten Hügel mit Kloster und Kirche an. Gerade als ich mich im Schatten niederlasse und Wasser aus dem Brunnen trinke, ertönen die Glocken und Männergesang aus der Kirche weiter oben. Was für ein Abschluss.

Ich trampe runter nach Cividale. Erleichtert und zugleich bedrückt sitze ich stinkend im Tumult der Reichen und Schönen, endlich die ersehnte, eisgekühlte Cola vor mir.

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Hike Trailmagic