Traversata Classica
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Traversata Classica

Durch den wilden Kern des Val Grande

Diese Durchquerung des Val Grande war unsere erste längere gemeinsame Tour. Drei Tage, leichte, selbstgemachte Rucksäcke, viele Höhenmeter und sehr viel Raum füreinander. Das Val Grande war für uns nicht nur Landschaft, sondern ein Ort des Kennenlernens, des Vertrauens und der vorsichtigen Annäherung an das, was jede und jeder von uns trägt.

Wir starteten in Malesco, im Valle Vigezzo. Der erste Tag war lang, ruhig und gleichmäßig. Der alte Saumweg zog sich durch Buchenwälder, vorbei an zerfallenen Höfen. Wir gingen nebeneinander, manchmal schweigend, manchmal redend, tastend. Noch waren wir vorsichtig miteinander, so wie man vorsichtig in einen neuen Raum eintritt. Unser Tasten und unsere Schritte fanden langsam einen gemeinsamen Rhythmus. Dann bogen wir ins falsche Tal ab. Der Unmut über die verlorenen Stunden und die verlorene Energie verflog an einem kühlen Bach.

Wir wussten: Wir tragen uns gegenseitig mit. Oben in Scaredi, erschöpft und weit geöffnet, saßen wir noch lange, abseits der Menschen in der Hütte. Unter uns der dunkle Kessel des Val Grande, über uns die fernen, schneebedeckten Gipfel des Monte Rosa. Wir sagten wenig. Nähe braucht keine Worte.

In die Tiefe

Am zweiten Morgen stiegen wir hinab in den Park. Beeren pflücken. Weidende Kühe. Der Pfad war schmal. Wir achteten aufeinander: Wo trittst du? Brauchst du meine Hand? Wann gehe ich vor, wann lasse ich dir Raum? Vertrauen begann hier sehr konkret, im Körperlichen.

Mit dem tieferen Gelände wurde auch unser Sprechen tiefer. Zwischen Wasserfällen, moosigen Felsen und verwilderten Weiden begannen Gespräche, die man nicht plant. Alte Geschichten kamen, alte Verletzungen, Unsicherheiten. Das Gehen macht es leichter, Schweres auszusprechen. Man schaut sich nicht direkt an, sondern in den Weg, in den Wald, ins Wasser – und sagt trotzdem mehr, als man sonst sagen würde.

Unten im Kessel, am Rio Fiorino, fühlte sich alles offen an. Die wackelige Hängebrücke war ein kleiner Prüfstein: erst ich, dann du, dann warten wir aufeinander. So einfach, so symbolisch.

Der Gegenanstieg ins Val Gabbio war anstrengend, aber gut. Wir merkten, wie wir uns aufeinander eingestellt hatten: Tempo, Pausen, Schweigen, Reden. Die ausgesetzten Stellen gingen wir langsam, aufmerksam, miteinander. Angst war da, aber sie war nicht allein.

Alte Wege, neue Nähe

Beim langen Anstieg zum Südportal kamen wir an Spuren früherer Arbeit vorbei: Reste von Häusern, von Wegen, von einer Seilbahn. Auch in uns gab es Spuren – von dem, was war, bevor wir ein „Wir“ wurden. Wir sprachen über Brüche, über Dinge, die noch wehtun. Nicht alles lässt sich heilen, aber vieles konnte gesagt werden.

Im Val Serena öffnete sich der Raum. Fels, Wasser, Dämmerung. Das Bivacco Colma hing hoch über uns. Der letzte Anstieg war schwer. Müdigkeit machte dünnhäutig. Aber genau da zeigte sich, was gewachsen war: kein Drängen, kein Ziehen, sondern ein stilles „Ich bin da, wir schaffen das“.

Wir entschieden uns, an der Alpe Serena zu bleiben und bauten unser Zelt hinter den Ruinen der Häuser auf, erschöpft, aber zufrieden. Nähe entstand leise: in Handgriffen, in geteiltem Schweigen, im gemeinsamen Ankommen.

In der Nacht kam das Gewitter. Wind, Regen, Donner, der zwischen den Felswänden widerhallte. Irgendwann merkten wir, dass das Zelt undicht war. Wasser sammelte sich im Fußbereich. Wir wachten auf mit nassen Füßen, feuchten Schlafsäcken, kaum Raum zum Ausweichen. Schlaf wurde ein Dösen zwischen Kälte, Geräuschen und Anspannung.

Diese Nacht war ein Test. Für unser Material, für unsere Körper und für uns. Wir waren müde, gereizt, wir froren. Aber wir verloren uns nicht. Keine Schuldzuweisungen, kein Rückzug. Nur ein stilles Aushalten nebeneinander, geteiltes Wissen: Das ist jetzt so, und wir gehen da gemeinsam durch.

Sonne über dem Bivacco Colma

Am Morgen war der Himmel klar, als sei nichts gewesen. Nur wir trugen die Spuren der Nacht. Der Aufstieg zum Bivacco Colma begann früh. Jeder Schritt forderte mehr als sonst. Die Müdigkeit saß tief. Die Schwere der Nacht, die schwere, nasse Ausrüstung. Wir sprachen wenig. Nähe war hier nicht Sprache, sondern Präsenz: Ich bin da, ich gehe mit dir, auch wenn es schwer ist.

Am Bivacco Colma durften wir endlich ankommen. Die Sonne stand warm über dem Hang. Wir breiteten alles aus: Kleidung, Schlafsäcke, Zelt. Nasses wurde trocken, Schweres wurde leicht.

Wir saßen lange dort. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Notwendigkeit. Wir aßen, tranken, füllten unsere Wasservorräte auf. Die Sonne arbeitete für uns, und wir ließen sie arbeiten. Diese Pause war mehr als Erholung, sie war ein Übergang.

Wir sprachen wieder mehr. Über Müdigkeit, über alte Wunden, über das, was uns trägt. Die Nacht hatte uns verletzlich gemacht. Liebe teilte sich nicht nur mit als Rausch, sondern als Geduld.

Der dritte Tag war wie ein langer Abschied. Rund 1500 Höhenmeter hinab, Schritt für Schritt. Kein Drama, nur Geduld. Wir kamen an alten Maiensässen vorbei, an kleinen Wieseninseln im Wald, am Kirchlein von Lut. Von dort sahen wir Premosello tief unter uns.

Wir nahmen nicht die Straße, sondern einen schmalen, fast vergessenen Pfad. So kehrten wir langsam zurück.

Was bleibt

Diese Tour war unsere erste lange gemeinsame Bewegung. Wir haben einander gesehen: im Gehen, im Frieren, im Schweigen, im Reden. Wir haben Vertrauen gelernt - nicht als großes Versprechen, sondern als kleine Gesten: warten, reichen, zuhören, bleiben.

Das Val Grande ist kein Ort, der sich anbiedert. Es fordert Zeit, Körper und Aufmerksamkeit. Und genau darin liegt seine Qualität. Die Tour war nicht freundlich, nicht bequem, nicht romantisch.

Wer hier unterwegs ist, geht nicht nur von Nord nach Süd. Man geht auch von einem Zustand in einen anderen und kommt ein wenig verändert wieder heraus. Wir sind zurückgekommen: nicht fertig, nicht heil, aber verbunden auf eine Weise, die nur entsteht, wenn man gemeinsam durch Tiefe geht. Viele Momente und Gespräche hängen noch lange Jahre nach - Erinnerung, Referenzen, Bilder, ein Lächeln.

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