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Wider die Seinsleere oder die Freiheit als Freundlichkeit
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Wider die Seinsleere oder die Freiheit als Freundlichkeit

"Endlich Frühling!", ruft alles in und um uns. Was ist das aber für eine Sehnsucht? Was ist es, das uns packt und in die Natur gehen lässt? Woher kommt der Drang, uns mit Grün zu umgeben?

Wir gehen raus. Endlich scheint die Sonne. Die Berge rufen uns zu sich. Eine lang aufgestaute Sehnsucht will sich gestillt wissen. Es ist soweit: Wir können und wollen wieder raus in die Natur. Die letzten Schneefelder erzählen noch vom nicht allzu fernen Winter. Doch wir hören ihnen kaum zu, eilen von Blume zu Blume, sehen den Schmetterlingen nach und hören dem Schmelzwasser zu, das ins Tal hinabrauscht. "Endlich Frühling!", ruft alles in und um uns.

Was ist das aber für eine Sehnsucht? Was ist es, das uns packt und in die Natur gehen lässt? Woher kommt der Drang, uns mit Grün zu umgeben?

Wir schreiben der Natur zahlreiche Fähigkeiten zu. Sie wirkt beruhigend und klärend, angstlösend, depressionslindernd, im Sinne des Wortes erdend. Wir sehen sie als Lehrmeisterin, finden bei ihr Antworten auf längst gestellte Fragen und Erkenntnisse, auf die wir nicht gewartet hatten. Die Natur macht uns frei und ganz. Wenn wir hinausgehen und uns mit der Natur umgeben, erfahren wir eine Verbindung mit der Welt und uns selbst, die uns anderswo meist verschlossen bleibt. Aber warum ist das so?

Wir haben unser Leben so weit in die Geschäftigkeit erhoben, dass uns die Kontemplation abhanden gekommen ist. In Vita contemplativa oder von der Untätigkeit beschreibt Byung-Chul Han eindrücklich diesen Verlust: Indem wir nur noch auf das Handeln ausgerichtet sind, verlieren wir die Gabe des Schauens, Lauschens, Spürens. Durch ein auf Tätigkeit ausgerichtetes Leben verunmöglichen wir uns das Sein. Wir sind auf eine Seinsleere zugesteuert und erleben eine Sinnentleerung. Wir glauben, immer mehr tun zu müssen, um Befriedigung zu erfahren. Tätigkeit im Sinne von Rastlosigkeit, von Arbeit, von Konsum lässt uns immer weiter von uns selbst entfernen. Wir werden zu Suchenden und haben doch längst vergessen, was wir suchen.

Einen Hinweis darauf gibt uns Han, indem er die Platons Erzählung von den Kugelmenschen wiedergibt. Platon berichtet darin, die Menschen seien einst Kugelmenschen gewesen, die zu mächtig und selbstgerecht gewesen seien und deshalb von den Göttern in zwei Hälften zerschlagen wurden. Seitdem sind wir Menschen als Bruchstücke (symbolon) auf der Suche: nach Ganzheit, nach Verbundenheit, nach dem Anderen.

Wenn es uns hinauszieht in die Natur, ist es diese Suche, die uns antreibt. Wir wollen endlich wieder einen Sinn spüren, Ganzheit erleben und Verbundenheit - Wir sind auf der Suche nach dem Sein. Die Seinsleere oder, wie Han es ausdrückt, der Seinsmangel kann nur durch die Kontemplation gelindert werden. Erst wenn wir wieder lernen, innezuhalten, zu sehen, zu lauschen, zu staunen, können wir die innere Leere füllen. Erst in der Verbundenheit mit der Natur und mit anderen Menschen setzen wir dem Seinsmangel etwas entgegen.

Im Draußensein sprechen wir oft von Freiheit. Die gemeinsame Wortherkunft von Freiheit und Freund vom indogermanischen Wort fri sollte uns eine Mahnung und ein Hinweis zugleich sein. Denn echte Freiheit ist nur in Verbundenheit möglich. Erst wenn es uns wieder gelingt, freundlich zu sein, in der Natur die Freundin zu sehen und miteinander in Verbindung zu treten, können wir dem Seinsmangel begegnen. Han formuliert es in Gedenken an Novalis so: "Der Mensch ist nicht mehr als ein Mitbürger in einer Republik der Lebendigen, zu der auch Pflanzen, Tiere, Steine, Wolken und Sterne gehören."

Gehen wir hinaus in die Natur, hoffen wir darauf, Ganzheit zu erleben und Verbundenheit zu spüren. In ihr finden wir, was wir in uns selbst schmerzlich vermissen: Die innere, freundliche Freiheit ist die Möglichkeit, uns der allgemeinen Rastlosigkeit zu entziehen, um selbstbestimmt ein Stück unserer Kontemplation wiederzuerlangen.


Quelle: Byung-Chul Han, Vita contemplativa oder von der Untätigkeit, 2022.

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