Die Videografie des Extremspaziergängers. Eine musische Wanderung im digitalen Raum.
In einer Zeit, in der visuelle Medien zunehmend durch Hochgeschwindigkeit, Effekthascherei und algorithmisch optimierte Erregungswerte geprägt sind, tritt eine YouTube-Videoserie OST THRU hervor, die auf radikale Weise gegen den Malstrom dieser Dynamiken schwimmt: die Arbeiten von Fabian, der unter dem Trailname Extremspaziergänger bekannt ist. Die künstlerische Verarbeitung einer Fernwanderung durch den Osten der Republik regt einen kontemplativen Blick auf die Verfasstheit des Sehens selbst an.
Der Schreibende hinter der Kamera
Fabian aka Extremspaziergänger, ist nicht nur Videokünstler, sondern auch ein reflektierter Schreiber. Sein Blog entwirft eine „pfadlose“ Wanderung durch Introspektion, Reflexion und lyrische Fragmentierung - ein Terrain, in dem Wandern und Schreiben, Landschaft und Sprache nicht nur Metaphern, sondern epistemische Modi sind. Die dort veröffentlichte Sammlung aus Essays, Assoziationen, persönlichen und politischen Miniaturen liest sich als „Hirnrindenhikes“, als Wanderungen durch semantische Topologien, in denen Wege nicht vorgegeben, sondern erst entdeckt und gegangen werden müssen.
Diese dichte textliche Haltung übersetzt er in sein videografisches Arbeiten: Die Kamera wird nicht zum Dokumentationsinstrument, sondern zur ästhetischen Linse, die Raum, Zeit und Bewegung als narrative Variablen einfängt.
Ein ruhiger Stil als ästhetische Entscheidung
Anders als bei vielen zeitgenössischen YouTube-Produktionen, die durch schnelle Schnitte und starke Dramaturgie gekennzeichnet sind, arbeiten Fabians Filme mit langen Einstellungen, reduzierter Kommentierung und einer Erzählhaltung, die einen Raum für Beobachtung öffnet. Die Kamera verweilt, der Blick atmet. Die Narration entsteht nicht durch Sprache, sondern durch Kontextualisierung des Gesehenen und des Sehenden.
Diese Form der „stillen Dokumentation“ erweist sich als konsequente visuelle Entsprechung zu seinem Blog: Introspektion und die innere Topographie des Denkens. In einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit fragmentiert ist, ist dieser reduzierte Stil eine Einladung zur Rekalibrierung der eigenen Wahrnehmungsökonomie.
Musik als kompositorisches Element
Ein weiteres ästhetisches Kennzeichen der Serie ist die Musikauswahl, die nicht bloß im Hintergrund wirkt, sondern integraler Bestandteil der Bild-Ton-Komposition ist. Die Musik in Fabians Videos schafft eine atmosphärische Textur, die den visualisierten Raum nicht nur begleitet, sondern in einen emotionalen Kontext stellt.
Durch die bewusste Reduktion auf Klangräume, die Ruhe und manchmal auch Distanz reflektieren, wird der narrative Fluss nicht über erzählerische Kommentare, sondern über musikalische Resonanz getragen. Der Zuschauer wird nicht nur visuell adressiert, sondern in eine klingende Stille hineingezogen, die eine Form von kontemplativer Achtsamkeit ermöglicht - ein seltenes Kunststück in videobasierten Erzählformen des Internets.
Videografie als Praxis der Aufmerksamkeit
Was Fabians Arbeiten besonders macht, ist die konsequente Haltung, mit der sie Aufmerksamkeit thematisieren: nicht als Ressource, die verkonsumierbar ist, sondern als eine Fähigkeit, die kultiviert werden kann. Diese Videos sind keine bloßen Wanderdokumentationen, sie sind Praktiken des Sehens und Hörens, Aufforderungen, in der Bewegung der Bilder eine eigene Reflexion über das Verhältnis von Mensch und Landschaft, Subjekt und Umwelt zu entdecken.
In einer kulturwissenschaftlichen Lesart lassen sich diese Arbeiten als mediale Transpositionen wanderethnographischer Praktiken verstehen: Sie verbinden körperliche Bewegung, narrative Ökologie und reflexive Ästhetik zu einer Videoform, die nicht nur zeigt, sondern erfahrbar macht: wir sind dabei, blicken ihm über die Schulter, tauchen in seine visuelle Thick Description ein.
Eine Einladung zur partizipativen Wahrnehmung
Durch die Kombination aus ruhigem Bildstil, sorgfältig kuratierter Musik und einer reflexiven Haltung entsteht eine mediale Praxis der Entschleunigung und ein Statement, das auf eine kontemplative Weise mit Zeit, Raum und Selbstverhältnis umgeht.
Die Filme des Extremspaziergängers funktionieren als ästhetischer Kontrapunkt zur digitalen Beschleunigungskultur und zeigen, wie digitale Medien nicht nur Beschleunigung und Effizienz inszenieren können, sondern auch das Zu-, Nach- und Mitdenken. Sie laden zur partizipativen Wahrnehmung ein.
Eine Einladung, die über das Bildschirmformat hinaus nachhallt.
Die Serie kennt keinen Abschluss, sondern eine Fortsetzung in der Zeit. Jeden Sonntag kommt eine neue Folge hinzu. Jede steht für sich und wächst doch gemeinsam mit den anderen zu einem Ganzen, das sich so auf dem Weg, Schritt für Schritt, entfaltet.
Bleiben wir in losem Kontakt Wenn Dir dieser Text gefallen hat, ist der Newsletter der ruhigste Weg, Neues von ferals zu lesen: unregelmäßige E-Mails mit neuen Texten, Hintergründen und Notizen aus dem Unterwegssein.
In einer Zeit, in der visuelle Medien zunehmend durch Hochgeschwindigkeit, Effekthascherei und algorithmisch optimierte Erregungswerte geprägt sind, tritt eine YouTube-Videoserie OST THRU hervor, die auf radikale Weise gegen den Malstrom dieser Dynamiken schwimmt: die Arbeiten von Fabian, der unter dem Trailname Extremspaziergänger bekannt ist. Die künstlerische Verarbeitung einer Fernwanderung durch den Osten der Republik regt einen kontemplativen Blick auf die Verfasstheit des Sehens selbst an.
Der Schreibende hinter der Kamera
Fabian aka Extremspaziergänger, ist nicht nur Videokünstler, sondern auch ein reflektierter Schreiber. Sein Blog entwirft eine „pfadlose“ Wanderung durch Introspektion, Reflexion und lyrische Fragmentierung - ein Terrain, in dem Wandern und Schreiben, Landschaft und Sprache nicht nur Metaphern, sondern epistemische Modi sind. Die dort veröffentlichte Sammlung aus Essays, Assoziationen, persönlichen und politischen Miniaturen liest sich als „Hirnrindenhikes“, als Wanderungen durch semantische Topologien, in denen Wege nicht vorgegeben, sondern erst entdeckt und gegangen werden müssen.
Diese dichte textliche Haltung übersetzt er in sein videografisches Arbeiten: Die Kamera wird nicht zum Dokumentationsinstrument, sondern zur ästhetischen Linse, die Raum, Zeit und Bewegung als narrative Variablen einfängt.
Ein ruhiger Stil als ästhetische Entscheidung
Anders als bei vielen zeitgenössischen YouTube-Produktionen, die durch schnelle Schnitte und starke Dramaturgie gekennzeichnet sind, arbeiten Fabians Filme mit langen Einstellungen, reduzierter Kommentierung und einer Erzählhaltung, die einen Raum für Beobachtung öffnet. Die Kamera verweilt, der Blick atmet. Die Narration entsteht nicht durch Sprache, sondern durch Kontextualisierung des Gesehenen und des Sehenden.
Diese Form der „stillen Dokumentation“ erweist sich als konsequente visuelle Entsprechung zu seinem Blog: Introspektion und die innere Topographie des Denkens. In einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit fragmentiert ist, ist dieser reduzierte Stil eine Einladung zur Rekalibrierung der eigenen Wahrnehmungsökonomie.
Musik als kompositorisches Element
Ein weiteres ästhetisches Kennzeichen der Serie ist die Musikauswahl, die nicht bloß im Hintergrund wirkt, sondern integraler Bestandteil der Bild-Ton-Komposition ist. Die Musik in Fabians Videos schafft eine atmosphärische Textur, die den visualisierten Raum nicht nur begleitet, sondern in einen emotionalen Kontext stellt.
Durch die bewusste Reduktion auf Klangräume, die Ruhe und manchmal auch Distanz reflektieren, wird der narrative Fluss nicht über erzählerische Kommentare, sondern über musikalische Resonanz getragen. Der Zuschauer wird nicht nur visuell adressiert, sondern in eine klingende Stille hineingezogen, die eine Form von kontemplativer Achtsamkeit ermöglicht - ein seltenes Kunststück in videobasierten Erzählformen des Internets.
Videografie als Praxis der Aufmerksamkeit
Was Fabians Arbeiten besonders macht, ist die konsequente Haltung, mit der sie Aufmerksamkeit thematisieren: nicht als Ressource, die verkonsumierbar ist, sondern als eine Fähigkeit, die kultiviert werden kann. Diese Videos sind keine bloßen Wanderdokumentationen, sie sind Praktiken des Sehens und Hörens, Aufforderungen, in der Bewegung der Bilder eine eigene Reflexion über das Verhältnis von Mensch und Landschaft, Subjekt und Umwelt zu entdecken.
In einer kulturwissenschaftlichen Lesart lassen sich diese Arbeiten als mediale Transpositionen wanderethnographischer Praktiken verstehen: Sie verbinden körperliche Bewegung, narrative Ökologie und reflexive Ästhetik zu einer Videoform, die nicht nur zeigt, sondern erfahrbar macht: wir sind dabei, blicken ihm über die Schulter, tauchen in seine visuelle Thick Description ein.
Eine Einladung zur partizipativen Wahrnehmung
Durch die Kombination aus ruhigem Bildstil, sorgfältig kuratierter Musik und einer reflexiven Haltung entsteht eine mediale Praxis der Entschleunigung und ein Statement, das auf eine kontemplative Weise mit Zeit, Raum und Selbstverhältnis umgeht.
Die Filme des Extremspaziergängers funktionieren als ästhetischer Kontrapunkt zur digitalen Beschleunigungskultur und zeigen, wie digitale Medien nicht nur Beschleunigung und Effizienz inszenieren können, sondern auch das Zu-, Nach- und Mitdenken. Sie laden zur partizipativen Wahrnehmung ein.
Eine Einladung, die über das Bildschirmformat hinaus nachhallt.
Die Serie kennt keinen Abschluss, sondern eine Fortsetzung in der Zeit. Jeden Sonntag kommt eine neue Folge hinzu. Jede steht für sich und wächst doch gemeinsam mit den anderen zu einem Ganzen, das sich so auf dem Weg, Schritt für Schritt, entfaltet.
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