Rückblende: Ein Abend im Herbst. Wir kommen von einem langen Tag am Berg zurück. Als wir uns unserer Wohnung nähern und Du die Straße wiedererkennst, beginnst Du zu weinen. Du willst nicht, dass die Wanderung zu Ende geht, Du willst weiterlaufen.
Rückblende: Ein Abend im Herbst. Wir kommen von einem langen Tag am Berg zurück. Als wir uns unserer Wohnung nähern und Du die Straße wiedererkennst, beginnst Du zu weinen. Du willst nicht, dass die Wanderung zu Ende geht, Du willst weiterlaufen. Du willst zurück in den Wald am Berg. Ich kann Deinen Schmerz in dem Moment so gut nachvollziehen, obwohl ich selbst sehr erschöpft bin von einem Tag voller Wandern, Sonne und Geschichten erzählen. Damals bist Du vier Jahre alt.
In der Zwischenzeit ist viel passiert. Du bist gewachsen und älter geworden. Die letzten gemeinsamen Wanderungen liegen Jahre zurück. Du hast irgendwann entschieden, dass Wandern nichts für Dich ist und Du zu Hause bleibst. Ich erinnere mich an die vielen Enttäuschungen, die ich einstecken musste. Aus Enttäuschung wurde Resignation, bis diese irgendwann in Akzeptanz aufgehen konnte.
Vor ein paar Wochen dann dieser Satz: "Mama, gehen wir heute zusammen zum Wasserfall?" Ich gebe zu, ich war perplex. Ich war so überrascht, dass ich es Dir beinahe ausgeredet hätte im Stil von "Bist Du sicher, dass...?". Zum Glück habe ich diesem ersten Impuls nicht nachgegeben. Stattdessen habe ich keine Gedanken auf die Dinge, die eigentlich zu tun wären, verschwendet und zugesagt.
Wir waren fast drei Stunden unterwegs. Der Weg zum Wasserfall ist nicht sehr weit, aber mit einigem Anstieg verbunden. Dort brauchten wir natürlich eine Pause inklusive Wasserfalldusche. Was am Berg nicht fehlen darf, ist die Verpflegung. Also zauberte ich Apfel und Riegel aus dem Rucksack. Mist, kein Taschenmesser. Es kostet mich einige Mühe, aber ich bin in der Lage einen Apfel mit der Hand zu zerbrechen. Also gab es für jede einen halben Apfel und einen halben Riegel.
"Gehen wir jetzt noch zur Aussichtsbank?", fragtest Du, weil es so schön war. Erneut ein Zögern auf meiner Seite: Es war bereits spät, wir mussten ja auch noch zurück und ich wollte eigentlich nicht denselben Weg zurückgehen, was bedeutete, dass der Rückweg weiter sein würde. Auf der anderen Seite: Warum nicht? Hier am Wasserfall war es ohnehin schattig und über etwas Abendsonne würde ich mich freuen. Ich war dabei. Wir stiegen den Berg auf dem schmalen Pfad in engen Kurven weiter hinauf. An einigen ausgesetzten Stellen, sah ich Deine besorgten Blicke. Miteinander fanden wir die besten Tritte und kamen schließlich auf der sonnenbeschienenen Aussichtsbank an. Von dort oben hat man einen wunderbaren Panoramablick ins Tal und auf die gegenüberliegende Bergkette. Wir saßen in der Abendsonne und ich konnte mein Glück kaum fassen: Du und ich hier oben! Wie unglaublich! Wie schön! Und vor allem: Wie unverhofft!
Da Du ebenso wie ich nicht denselben Weg zurückgehen wolltest, beschlossen wir kurzerhand den Berg auf dieser Höhe zu queren und über einen anderen Pfad abzusteigen. Kein Mensch war unterwegs und wir genossen die Ruhe aus vollen Zügen. Wir haben erzählt und gelacht, haben uns Zecken vom Bein gesammelt und uns übers Wandern, Wandervideos und Wanderpläne unterhalten. Es dämmerte bereits, als wir glücklich und erschöpft wieder zu Hause ankamen.
Noch jetzt, einige Wochen später kribbelt das Erstaunen durch meinen Körper: Ich habe mit so vielem gerechnet, aber nicht damit, dass ich so bald mit meiner Tochter meine Wanderleidenschaft teilen darf. Dass sie ausgerechnet als Jugendliche den Übertritt in diese faszinierende Welt vollziehen wird, ist für mich besonders berührend. Die Wasserfalldusche, der gebrochene Apfel - fast fühle ich mich als Teil eines Initiationsritus. Wobei die Initiation für sie und für mich wohl gleichermaßen bedeutsam ist: Ein Übergang in eine neue, tiefere, erwachsenere Verbindung von Frau zu Frau.
Natürlich habe ich mich gefragt, woher diese Wendung der Geschichte gekommen sein mag. Welche Einflüsse waren wichtig? Mir fallen zahlreiche ein: Allein die Arbeit an ferals.eu ist einer dieser Einflüsse. Mit Neugier liest meine Tochter unsere Beiträge (ja, sicher auch diesen). Die leidenschaftlichen Gespräche über Touren und Ausrüstung mit Hiker7 verfolgt sie seitdem mit anderen Ohren. Und dann gibt es da noch den Extremspaziergänger: Seit Monaten sitzen wir Sonntag für Sonntag vor dem jeweils neuesten Teil seines Ost Thru. Wir sehen, lauschen, kommentieren und lachen gemeinsam. Es sind ca. 10 Minuten Zweisamkeit. Auch dieses Ritual war wohl ausschlaggebend.
Für eine erste gemeinsame Tour hat sie übrigens bereits eine Liste an Anforderungen gestellt: mindestens 3 Übernachtungen, außerdem ein ordentlicher Rucksack, Wanderstöcke, Kopfhörer, ohne Bruder und mit Hiker7. Als Training waren wir inzwischen auch wieder am Wasserfall. Dort hatten wir einen Apfel zum Teilen dabei, aber kein Taschenmesser.
"Endlich Frühling!", ruft alles in und um uns. Was ist das aber für eine Sehnsucht? Was ist es, das uns packt und in die Natur gehen lässt? Woher kommt der Drang, uns mit Grün zu umgeben?
Rückblende: Ein Abend im Herbst. Wir kommen von einem langen Tag am Berg zurück. Als wir uns unserer Wohnung nähern und Du die Straße wiedererkennst, beginnst Du zu weinen. Du willst nicht, dass die Wanderung zu Ende geht, Du willst weiterlaufen. Du willst zurück in den Wald am Berg. Ich kann Deinen Schmerz in dem Moment so gut nachvollziehen, obwohl ich selbst sehr erschöpft bin von einem Tag voller Wandern, Sonne und Geschichten erzählen. Damals bist Du vier Jahre alt.
In der Zwischenzeit ist viel passiert. Du bist gewachsen und älter geworden. Die letzten gemeinsamen Wanderungen liegen Jahre zurück. Du hast irgendwann entschieden, dass Wandern nichts für Dich ist und Du zu Hause bleibst. Ich erinnere mich an die vielen Enttäuschungen, die ich einstecken musste. Aus Enttäuschung wurde Resignation, bis diese irgendwann in Akzeptanz aufgehen konnte.
Vor ein paar Wochen dann dieser Satz: "Mama, gehen wir heute zusammen zum Wasserfall?" Ich gebe zu, ich war perplex. Ich war so überrascht, dass ich es Dir beinahe ausgeredet hätte im Stil von "Bist Du sicher, dass...?". Zum Glück habe ich diesem ersten Impuls nicht nachgegeben. Stattdessen habe ich keine Gedanken auf die Dinge, die eigentlich zu tun wären, verschwendet und zugesagt.
Wir waren fast drei Stunden unterwegs. Der Weg zum Wasserfall ist nicht sehr weit, aber mit einigem Anstieg verbunden. Dort brauchten wir natürlich eine Pause inklusive Wasserfalldusche. Was am Berg nicht fehlen darf, ist die Verpflegung. Also zauberte ich Apfel und Riegel aus dem Rucksack. Mist, kein Taschenmesser. Es kostet mich einige Mühe, aber ich bin in der Lage einen Apfel mit der Hand zu zerbrechen. Also gab es für jede einen halben Apfel und einen halben Riegel.
"Gehen wir jetzt noch zur Aussichtsbank?", fragtest Du, weil es so schön war. Erneut ein Zögern auf meiner Seite: Es war bereits spät, wir mussten ja auch noch zurück und ich wollte eigentlich nicht denselben Weg zurückgehen, was bedeutete, dass der Rückweg weiter sein würde. Auf der anderen Seite: Warum nicht? Hier am Wasserfall war es ohnehin schattig und über etwas Abendsonne würde ich mich freuen. Ich war dabei. Wir stiegen den Berg auf dem schmalen Pfad in engen Kurven weiter hinauf. An einigen ausgesetzten Stellen, sah ich Deine besorgten Blicke. Miteinander fanden wir die besten Tritte und kamen schließlich auf der sonnenbeschienenen Aussichtsbank an. Von dort oben hat man einen wunderbaren Panoramablick ins Tal und auf die gegenüberliegende Bergkette. Wir saßen in der Abendsonne und ich konnte mein Glück kaum fassen: Du und ich hier oben! Wie unglaublich! Wie schön! Und vor allem: Wie unverhofft!
Da Du ebenso wie ich nicht denselben Weg zurückgehen wolltest, beschlossen wir kurzerhand den Berg auf dieser Höhe zu queren und über einen anderen Pfad abzusteigen. Kein Mensch war unterwegs und wir genossen die Ruhe aus vollen Zügen. Wir haben erzählt und gelacht, haben uns Zecken vom Bein gesammelt und uns übers Wandern, Wandervideos und Wanderpläne unterhalten. Es dämmerte bereits, als wir glücklich und erschöpft wieder zu Hause ankamen.
Noch jetzt, einige Wochen später kribbelt das Erstaunen durch meinen Körper: Ich habe mit so vielem gerechnet, aber nicht damit, dass ich so bald mit meiner Tochter meine Wanderleidenschaft teilen darf. Dass sie ausgerechnet als Jugendliche den Übertritt in diese faszinierende Welt vollziehen wird, ist für mich besonders berührend. Die Wasserfalldusche, der gebrochene Apfel - fast fühle ich mich als Teil eines Initiationsritus. Wobei die Initiation für sie und für mich wohl gleichermaßen bedeutsam ist: Ein Übergang in eine neue, tiefere, erwachsenere Verbindung von Frau zu Frau.
Natürlich habe ich mich gefragt, woher diese Wendung der Geschichte gekommen sein mag. Welche Einflüsse waren wichtig? Mir fallen zahlreiche ein: Allein die Arbeit an ferals.eu ist einer dieser Einflüsse. Mit Neugier liest meine Tochter unsere Beiträge (ja, sicher auch diesen). Die leidenschaftlichen Gespräche über Touren und Ausrüstung mit Hiker7 verfolgt sie seitdem mit anderen Ohren. Und dann gibt es da noch den Extremspaziergänger: Seit Monaten sitzen wir Sonntag für Sonntag vor dem jeweils neuesten Teil seines Ost Thru. Wir sehen, lauschen, kommentieren und lachen gemeinsam. Es sind ca. 10 Minuten Zweisamkeit. Auch dieses Ritual war wohl ausschlaggebend.
Für eine erste gemeinsame Tour hat sie übrigens bereits eine Liste an Anforderungen gestellt: mindestens 3 Übernachtungen, außerdem ein ordentlicher Rucksack, Wanderstöcke, Kopfhörer, ohne Bruder und mit Hiker7. Als Training waren wir inzwischen auch wieder am Wasserfall. Dort hatten wir einen Apfel zum Teilen dabei, aber kein Taschenmesser.
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