Wenn die Berge nicht rufen
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Wenn die Berge nicht rufen

Über Körper, die nicht verfügbar sind.

Wir schreiben viel über das Gehen, über Wege, Wildnis, Freiheit, über das Sich-Entziehen aus Ordnungen, die uns eng geworden sind. Wir sagen aber nie, was genauso dazugehört: dass wir manchmal nicht gehen. Nicht aus Faulheit, nicht aus Mangel an Motivation, nicht, weil der Weg uns nichts mehr bedeutet. Sondern weil der Körper nicht verfügbar ist.

Es gibt diese Tage, an denen alles bereitliegt. Und der Berg ruft trotzdem nicht. Oder wir können ihn nicht hören. Der Körper ist schwer oder leer oder schmerzhaft oder einfach still. Und wir bleiben einfach sitzen.

Das passt schlecht in eine Kultur, in der Gehen als Antwort gilt. Als Lösung, als Praxis, die ordnet, klärt, heilt. Auch wir erzählen diese Geschichten. Sie sind nicht falsch. Aber sie sind unvollständig. Der Körper, mit dem wir gehen, ist kein Transportmittel, kein Werkzeug, das sich aktivieren lässt, wenn der Wunsch groß genug ist. Er ist Geschichte. Er ist Schlafmangel, Entzündung, Angst, Alter, Medikamente, Hormone, Verletzungen, Überforderung. Er trägt mehr als das Gewicht des Rucksacks und hat deshalb das letzte Wort.

Wenn wir über Autonomie schreiben, vergessen wir leicht, wie abhängig Gehen ist. Abhängig von Tagesform, von Stabilität, von Ressourcen, von Schmerzgrenzen, die nicht verhandelbar sind. Nicht jeder Körper kann einfach los. Nicht jeder Körper darf scheitern, ohne bewertet zu werden. Es gibt da eine leise Scham im Nicht‑Gehen. Eine vernünftige Scham, die nach Ausreden, nach Aufschieben, nach Selbstdisziplinierung klingt. Morgen dann. Wenn es besser geht. Wenn ich wieder fit bin. Wenn ich mich nicht so anstelle. Diese Sätze sind keine individuellen Schwächen, sie sind kulturelle Skripte.

Wir leben in einer Ordnung, die Aktivität belohnt und Pausen verdächtigt. Bewegung gilt als Tugend, Stillstand als Defizit. Auch draußen, sogar besonders dort. Das Draußen ist längst kein neutraler Raum mehr, sondern aufgeladen mit Erwartungen: an Selbstwirksamkeit, an Klarheit, an Transformation. Wer geht, arbeitet an sich. Wer nicht geht, bleibt zurück.

Und dann gibt es diese Tage, an denen der Körper einfach nein sagt. Nicht als Widerstand, nicht als Protest, sondern als schiere Tatsache. Der Körper sagt nicht nein, um uns zu sabotieren. Er sagt nein, weil er etwas weiß.

Draußen sein heißt nicht immer gehen. Manchmal heißt es sitzen. Oder liegen. Oder aus dem Fenster schauen und wissen, dass der Wald, dass der Berg noch da ist. Dass die Wege bleiben, auch wenn wir heute nicht auf ihnen unterwegs sind. Darin liegt auch Form von Beziehung: eine, die nichts einfordert. Natur ist dann kein Resonanzraum, der uns etwas zurückgibt, sondern ein Raum, der uns auch dann trägt, wenn wir nichts tun.

Wir müssen nicht immer gehen, um draußen zu sein. Manchmal ist das Ferale nicht der Weg, sondern die Weigerung, den eigenen Körper verfügbar zu machen für Geschichten, die gerade nicht stimmen.

Der Weg läuft nicht weg.
Und wir dürfen bleiben.

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